1. Johannes 4,19

Anfechtung und Frieden

Interview mit Udo - Teil 2

Im letzten Blogbeitrag hatte ich ja aus Platzgründen nur einen Teil meines Interviews mit Udo wiedergegeben. Dabei ging es um Udos schwere Kindheit, in der er Mehrfachtraumata erlitt und darum, wie das sein weiteres Leben prägte. Erst nachdem er als Erwachsener Jesus in sein Leben aufgenommen hatte, konnte er Freude empfinden. Für ihn war das so, als hätte er ein neues Leben geschenkt bekommen. Heute möchte ich dich am zweiten Teil unseres Gesprächs teilhaben lassen, wo es um eben dieses neue Leben geht.

"Echter Frieden"

Katrin: Wie sah dein neues Leben dann aus?

Udo:

Nur ein paar Wochen nachdem ich diese Freude geschenkt bekommen hatte, wollte ich mit den anderen aus meinem Hauskreis gemeinsam zum Abendmahl gehen. Aber dann habe ich plötzlich sowas wie eine Vollbremsung gemacht in meinem neuen Leben mit Jesus. Ein ehemaliger Pfarrer hatte nämlich einmal gesagt, dass wir reinen Herzens und in Liebe zum Abendmahl gehen sollen, aber das ging gar nicht für mich. Wenn ich nur an das gedacht habe, was war, dann habe ich alles andere als Liebe für meinen Vater und Onkel empfunden. Daher bin ich nicht mit zum Abendmahl gegangen, sondern stattdessen wieder im Gebet gelandet. Dabei habe ich gesagt „Jesus, ich kann das nicht.“
Irgendwann während des Betens hat mir mein Verstand aber gesagt, wie groß will ich eigentlich sein, dass ich nicht vergeben kann. Ich bin doch nicht größer als der, der mir ein neues Leben mit üppiger Freude geschenkt hat! Ich kann mich doch nicht über Jesus stellen, der allen Menschen ihre Sünde vergeben hat! – Boah war das schwer. Das war richtig hart. Meine Gedanken haben sich überschlagen, aber irgendwie wurde mir auch klar, Gott hasst die Sünde, aber nie den Sünder. Auf einmal wurde ich ganz demütig. Und dann wusste ich, was ich tun muss, aber dafür habe ich noch ein paar Stunden gebraucht. Im Gebet habe ich schließlich meinem Onkel und meinem Vater vergeben. Und auch allen anderen, die Schuld an mir hatten, denn Jesus hat mir meine Schuld ja auch vergeben. Das war definitiv nicht meine Liebe, die mich zur Vergebung gebracht hat, sondern Jesu Liebe, mit der er mich aufgefüllt hat. Seine Liebe hat mir gezeigt, dass es nur über die Vergebung geht. Und auf einmal habe ich etwas gespürt, was mir immer gefehlt hatte: Ich habe echten Frieden und Ruhe gefühlt und plötzlich war da unendlich viel Platz in meinem Herzen. Das kann man sich gar nicht vorstellen, das ist als würde man in einen riesigen Saal kommen, der gerade noch bis unter die Decke mit schweren Gepäckstücken vollgepackt war, aber plötzlich ist alles weg, nichts mehr da, der ganze Saal ist frei.
Am Karfreitag, also einen Tag später, bin ich dann zum Abendmahl gegangen. Ich wusste mit jedem Schritt, den ich gegangen bin, ich gehöre nur noch Jesus, es gibt nichts anderes mehr, was mich hält. Mit jedem Schritt sind mir immer mehr freudige Tränen in die Augen gestiegen. Das war toll. Echt toll.
Ein paar Wochen später hatte ich dann aber einen Traum, den ich überhaupt nicht verstanden habe. Darin hat Jesus zu mir gesagt „Folge mir von ganzem Herzen“. Ich dachte erst, ich hätte doch schon alles getan, Jesus angenommen, meinem Onkel und meinen Vater vergeben… Ich konnte mit diesem Traum einfach nichts anfangen. Aber dann habe ich in mein Herz hineingeschaut und gemerkt, dass mein Sport, den ich richtig mit Herzblut und auch erfolgreich gemacht habe, nicht mehr mein Weg sein kann. Also habe ich beim Präsidenten des Sportverbandes um meine Entlassung gebeten. Das hat ihn richtig schockiert, weil ich sonst immer so korrekt und akkurat war in meiner Arbeit. Als Begründung habe ich ihm nur gesagt, ich bin im Glauben, ich folge jetzt meinem Herzen. Er meinte, hätte das jemand anderes gesagt, hätte er gedacht, der sei verrückt, aber mir würde er es abnehmen. Natürlich fiel es mir nicht ganz leicht, meine Posten abzugeben und da ich auf ein paar Jahre in die Ämter gewählt worden war, ging das auch nicht einfach so von heute auf morgen. Die ehrenamtliche Arbeit im Sport hatte mir immer viel Freude gemacht und ich hatte auch wirklich was bewegen können, habe zum Beispiel vielen Jugendlichen ein Gerüst geboten. Aber durch den Traum war mir klar, dass ich damit aufhören muss und dass ich den Weg im Glauben wirklich resolut gehen muss.
Udos ehrenamtliches Engagement im Tanzsport

"Das ist Anfechtung"

Udo:

2016 war dann mein offizielles Ende im Sport. Ich war voller Freude und gut drauf. Aber schon wenige Monate später war ich das erste Mal zerrissen. Mein Patenkind Noemi stand kurz vor ihrer Hochzeit und hatte mich deshalb gefragt, ob ich mit ihr tanzen üben könnte. Natürlich habe ich das richtig gerne gemacht. Wir hatten eine enge Beziehung, sie war auch meine Fachverbandjugendsprecherin im Tanzsportverband.
Im September kam dann der Anruf mit der Nachricht, Noemi ist tot. Das war weniger als eine Woche vor ihrer Hochzeit. Sie war eigentlich gesund gewesen und hatte vollkommen unerwartet einen Herzinfarkt bekommen, an dem sie gestorben war. Das hat mich zerrissen. Das hat mich echt zerrissen. Ihre ganze spanische Verwandtschaft war schon extra angereist für die Hochzeit und stattdessen wurde es dann eine Beerdigung. Wir haben sie in ihrem Hochzeitskleid beerdigt. Das tut mir heute noch weh, wenn ich die Bilder sehe. Echt übel, so grausam.

Aber die damalige Pfarrerin meiner Kirchengemeinde hat mit mir geweint und auch zu mir gesagt, Udo, bleib standhaft, das ist Anfechtung. Nichts hatte mich bis hierher aus der Bahn geworfen, aber das hat mir richtig weh getan und mich in Zweifel gestürzt. Mein einziger Trost war, dass ich Noemi vor der Hochzeit gefragt hatte, ob sie auch noch kirchlich heiraten würde und sie darauf mit „Ja klar, ich glaube ja an ihn“ geantwortet hat. Das hat mir so viel Trost gegeben, dass ich am Ende des Jahres trotzdem danke sagen konnte für das Jahr. Das war wirklich eine ganz schwere Zeit für mich, aber am Ende des Jahres kam trotzdem die Freude wieder und seitdem bin ich der glücklichste Mensch. Ich habe nicht viel, aber dafür den Glauben und das ist ein Reichtum, den kann man gar nicht bezahlen.

Katrin: Sind diese Freude und der Glaube auch das, was deinem Leben einen Sinn gibt?

Udo:

Der Sinn des Lebens ist es, Jesu Liebe erfahren zu dürfen, denn darin erklärt sich das Leben – für mich zumindest. Aber die Freude trägt mich durch die schwierigen Situationen durch, von denen es immer noch einige in meinem Leben gibt. Und es ist für mich etwas Wunderbares, Freude pur, im Dienst für Jesus zu stehen – selbst wenn der Dienst mal aus Klo putzen besteht! [Anmerkung: Udo übernimmt sehr viele Hausmeistertätigkeiten u.ä. in unserer Kirchengemeinde] – Jesus ist auch da dabei, er trägt mich durch alle Situationen durch und manchmal sage ich ihm dann auch, bring‘ deinen Kindern bei, sauber zu sein, dann geht das Kloputzen schneller und du musst auch nicht so lange mit dabei sein! [er lacht] Aber nee, trotz meinem Sarkasmus macht mir auch das Spaß, da habe ich meine Ruhe und komme zum Nachdenken.

"Wenn andere das sehen, spricht sie das an"

Katrin: …und diese Zeit zum Nachdenken brauchst du ja sicherlich auch deshalb oft, weil du aktuell so viele Leute berätst. Möchtest du uns darüber noch ein bisschen was erzählen, wie du versuchst, anderen Menschen zumindest ein Stück weit den Sinn in ihrem Leben zu zeigen?

Udo:

Ja. Also zuerst einmal muss ich sagen, dass ich nicht mehr mit einem Leben in dieser Welt plane, sondern mit Gott. Deshalb suche ich auch gar nicht mehr einen Vollzeitjob, abgesehen davon, dass das auch meine Gesundheit nicht mehr mitmachen würde. Ich hoffe nur, dass ich immer so viel Geld verdiene, dass es mir gerade ausreicht und damit meine ich, dass ich nicht hungern muss und mir eine Fahrkarte leisten kann. Dafür reichen mir die Hartz IV-Bezüge und das, was ich verdiene, wenn ich drei Tage im Monat an der Tankstelle arbeite, aus. Außerdem bekomme ich auch von vielen Leuten aus der Gemeinde Unterstützung, z.B. Kaffee und Kekse, die ich brauche, um andere Menschen zu bewirten.
Ich lebe einfach mein Leben mit Jesus und vertraue ihm zu 100%. Dadurch habe ich auch keine Zukunftsängste, mache mir keine Sorgen um meine Rente oder ähnliches und mache keine Pläne mehr. Ich bin, wie jeder andere auch, dazu berufen, von Jesus geliebt zu werden und habe eine riesige Sehnsucht danach, Jesus noch besser kennenzulernen und nach dem Tod bei ihm zu sein. Ich kann gar nicht mehr anders als so zu glauben.
Aber wenn andere das sehen, dann spricht sie das oft an und sie wenden sich mit ihren Fragen und Problemen an mich. Das ist sowas schönes, für Menschen da zu sein, ihnen auch seelsorgerlich zu helfen. Natürlich kostet das Kraft und viel Zeit. Eigentlich ist das mindestens ein Vollzeitjob, deshalb hat man nicht mehr so viele andere Möglichkeiten im eigenen Leben, aber das ist es mir allemal wert. Jesus ist für alle Menschen ans Kreuz gegangen, für jeden, und deshalb wäre es vermessen, wenn ich nur für Leute da wäre, die meinen Glauben teilen. Jesus ist auf die Welt gekommen, um den Menschen eine Lösung für ihr Leben zu geben. Er möchte jedem Menschen ein richtiges Leben schenken und das ist auch das, was mich antreibt. Deshalb sage ich eben auch jeden Morgen zu Jesus, lass‘ mich heute wieder mit deinen Augen sehen.
1. Johannes 4 (HfA)
Katrin: Und was passiert dann? Also wie muss man sich das vorstellen, welche Leute hat er dir da schon geschickt?

Udo:

Also angefangen hat alles mit zwei Jugendlichen, die gerade 18 geworden waren und die bei mir an der Tankstelle gearbeitet haben. Die habe ich ein bisschen unter meine Fittiche genommen, weil ich schon erfahrener war mit der Arbeit an der Tankstelle. Mit denen habe ich viel geredet, irgendwann auch über ihre privaten Probleme. Als nächstes haben sie dann Freunde mitgebracht, die auch Probleme hatten und so ging das einfach von selbst.
Inzwischen kommen ganz viele unterschiedliche Menschen zu mir: Menschen, die mitten im Leben stehen und soziale, familiäre oder ähnliche Probleme haben, Ältere, die auf das Lebensende zugehen, Jugendliche, die die Welt nicht mehr verstehen und Leute, die in ihrem sonstigen Leben immer Stärke zeigen müssen und froh sind, dass sie bei mir auch mal weinen dürfen. Diesen Menschen höre ich oft einfach zu, manchmal gebe ich ihnen auch Ratschläge und vor allem gebe ich ihnen Liebe.

Gerade die Jugendlichen, die zu mir kommen, haben eine unbändige Sehnsucht nach Liebe, die sie aber mit allem möglichen anderen zu füllen versuchen, das ihnen die Welt bietet. Ich sage ihnen, dass dieses Bedürfnis nach Liebe sich nur durch eine Beziehung befriedigen lässt – eine Beziehung zu Jesus, oder, wenn sie nicht im Glauben stehen, mit einem Partner. Aber wirklich ganz stillen kann die Sehnsucht nur die Beziehung zu Gott. An mir selbst sehen sie, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, der einen Glauben hat. Ich sage ihnen, dass Jesus jeden Weg mitgeht, er lässt sie auch nicht im Stich, wenn sie einen falschen Weg einschlagen. Aber es kommt auf sie an, welchen Weg sie künftig einschlagen wollen.

"Jeder braucht Liebe"

Katrin: Welchen Ratschlag oder Tipp würdest du denn jemandem geben, der zu dir kommt, weil er sich auf der Suche nach seinem Lebenssinn befindet?

Udo:

Ich denke, ganz wichtig ist es dabei erstmal, dass man sein Ego zurückstutzt auf das Maß, das man wirklich braucht. Das ist die Grundlage dafür, dass man Liebe empfangen kann und auch fähig ist, andere Gedanken zuzulassen, die man so bisher vielleicht noch nicht kennt. Ich bin der beste Beweis dafür, dass Jesu Liebe wirklich alle Wunden heilt. Er lacht mit mir und er weint mit mir und vor allem ist jetzt immer jemand da, der mich an die Hand nimmt. Ich sage immer, kein Leid dieser Welt ist so groß wie seine Liebe. Das klingt vielleicht für manche Menschen schlimm, die Leid erleben, aber das ist einfach das, was ich erlebt habe und wovon ich felsenfest überzeugt bin. Damit will ich aber keinem Menschen sein Leid absprechen, denn die Seele ist einfach sehr verletzbar und da muss man gar nicht erst sowas Schlimmes erlebt haben wie ich, um wirklich zu leiden. Deshalb braucht jeder die Liebe. Man darf auch mal zweifeln und den Glauben hinterfragen, die Antworten kommen dann schon. Aber man sollte sich von Jesu Liebe füllen lassen und auch Liebe weiterschenken, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Dann passiert etwas Wunderbares, denn dadurch bekommt unser Gegenüber einen großen Wert. Ich begegne jedem Menschen mit einem gewissen Stück „Vorschussliebe“, das können sie dann entweder gleich aufbrauchen oder mehr davon bekommen. Für Menschen da zu sein ist einfach schön.

Katrin: Das heißt, wenn man auf Sinnsuche ist, soll man erstens offen dafür sein, Liebe zu empfangen, auch wenn diese von Jesus kommt, an den man bisher vielleicht gar nicht geglaubt hat und zweitens, diese Liebe an andere weitergeben?

Udo:

Ja genau. Und natürlich sollte für alle Menschen der Sinn des Lebens darin bestehen, mich mit Essen und Süßigkeiten zu versorgen! [er lacht schallend]
Udo grinst verschmitzt

Das war das Stichwort, mit dem wir dann auch unser (schon ohne die Unterbrechungen fast zwei Stunden andauerndes) Interview schließlich beendeten, damit ich den Nachtisch vorbereiten und Udo sich ein bisschen erholen konnte. 🙂 Für mich war der Nachmittag mit Udo wirklich lehrreich und ich hoffe, dass du auch etwas Positives für dich aus dem Interview ziehen kannst, auch wenn du nicht live dabei warst.

Liebe Grüße
Deine Katrin

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