Megatrendmap des Zukunftsinstituts

Die Suche nach dem Sinn

Hintergrundinfos für unsere Sinnreise

Da ich mitbekommen habe, dass nicht nur ich mich immer wieder auf Sinnsuche befinde, sondern sich auch viele Leute in meinem Umkreis fragen, was wohl der Sinn ihres Lebens ist, habe ich mal ein bisschen recherchiert…  Dabei habe ich einiges Interessantes herausgefunden über die Sinnsuche in Gegenwart und Vergangenheit, deren Relevanz und über verschiedene Möglichkeiten, eine Antwort darauf zu finden. Das löst die Sinnfrage zwar für mich nicht auf, aber liefert zumindest ein paar Hintergrundinfos und wirft neue, spannende Fragen auf, die wir vielleicht wie eine Art nützliches Marschgepäck auf unsere Reise zur Erkenntnis des Lebenssinns mitnehmen können. 🙂

Sinnsuche topaktuell

Auf den Seiten des Zukunftsinstituts habe ich herausgefunden, dass aktuelle Trends wie z.B. Achtsamkeit, Identitätsmanagement und das Streben nach Lebensqualität darauf hindeuten, dass viele Leute sich heutzutage mit Fragen zu ihrer Identität, ihren Werten und ihren Prioritäten auseinandersetzen. Das liegt unter anderem daran, dass uns sehr viele Möglichkeiten offenstehen und z.B. der Beruf unserer Eltern nicht zwingend auch unseren Karriereweg vorgibt, oder der Ort, an dem wir aufgewachsen sind, nicht unbedingt unsere Heimat bleiben muss. Dadurch, dass zumindest die meisten hier in Deutschland und Umgebung das Privileg haben, zwischen den verschiedensten Lebensentwürfen zu entscheiden, müssen wir uns auch früher oder später mit der Frage auseinandersetzen, wie wir unser Leben denn eigentlich leben möchten. Vor allem bei größeren Entscheidungen müssen wir uns darüber klar werden, was unsere Prioritäten sind und was für uns in unserem Leben wirklich wichtig ist.

Kein neuer Trend

Aber auch in der Vergangenheit waren die Menschen auf Sinnsuche. Schon die großen griechischen Philosophen haben sich Gedanken darüber gemacht, wie man ein glückliches Leben führen kann. Das Staunen über die Welt war für sie der Auslöser der Sinnfrage (Schmid 1998).

Die jüngere Vergangenheit der Sinnsuche ab 1981 wird beispielsweise in den verschiedenen Studien betrachtet, die der Soziologe Heiner Meulemann für das Buch Ohne Kirche leben zusammengetragen und analysiert hat. Darin stellt er fest, dass die Beschäftigung mit dem Sinn des Lebens in Westeuropa von 1981-2012 anstieg (Meulemann 2019, S. 259-262). Interessant finde ich, dass Meulemann hierbei einen Zusammenhang zur Säkularisierung erkennt: Er sagt, dass je weniger eine konkrete Religiosität vorliege, umso mehr lägen die Fragen nach dem Sinn des Lebens im Vordergrund des Bewusstseins der Bevölkerung (Meulemann 2019, S. 262f.). Das Bedürfnis, das bisher durch die Kirche befriedigt wurde, schlägt sich dann also in der Sinnsuche nieder.

Ohne Kirche Leben - Meulemann 2019

Bunte Alternativen

Doch wie wird dieses Bedürfnis heutzutage befriedigt? Sinnstiftende Angebote wie Kurse und Bücher rund um das Thema, Youtube-Videos zum Trend „New Spirituality“ oder auch spiritueller Tourismus wie z.B. Pilgerreisen auf dem Jakobsweg oder Auszeiten in Klöstern sind gerade stark im Trend (Brauer 2016; Gaschke 2015). In der Sinus-Jugendstudie 2016 wurde außerdem festgestellt, dass Jugendliche ihr Bedürfnis nach Sinnfindung befriedigen, indem sie sich ihren individuellen und veränderbaren „persönlichen Glauben“ aus vielen verschiedenen (quasi-)religiösen und spirituellen Angeboten zusammenbasteln (Calmbach et al. 2016, S. 336f.). Ich denke, das trifft auch auf einige Erwachsene zu.

Und dann lassen wir uns auch noch gerne ablenken von unserem Berufsleben, Schule, Ausbildung oder Studium, unseren Hobbies, Freundschaften, Aktivitäten mit der Familie usw. Das ist natürlich überhaupt nichts Schlechtes, aber manchmal verhindert es, dass wir uns selbst reflektieren und uns mit grundlegenden Fragen unserer Persönlichkeit auseinandersetzen. Wenn dann einmal Zeiten kommen, in denen wir weniger beschäftigt sind, können uns diese unbeantworteten Fragen einholen und dafür sorgen, dass uns unser bisheriges Leben oberflächlich vorkommt (Schnell 2010, S. 368).

Relevanz der Sinnfrage

Vielleicht ist es aber gar nicht schlimm, sich nicht weiter mit dem Sinn seines Lebens zu beschäftigen, sondern einfach nur das Leben zu genießen? Dazu habe ich mal fünf meiner Freundinnen befragt, um zu sehen, was sie darüber denken. Eine repräsentative Umfrage ist es natürlich nicht, aber immerhin gibt sie einen Einblick in ein paar weitere Meinungen zu dem Thema.

Vier meiner befragten Freundinnen meinten, dass sie sich manchmal verloren fühlen und nicht genau wissen, wo ihr Platz im Leben ist. Alle fünf haben schon mal über den Sinn des Lebens nachgedacht und finden es mal mehr, mal weniger wichtig, sich damit zu beschäftigen. Das begründen sie einerseits damit, dass die Erkenntnis ihres Lebenssinns ihnen hilft, die für sie persönlich wichtigen Werte zu definieren und Entscheidungen zu treffen, ihnen immer wieder neuen Antrieb und ein Lebensziel gibt und ihnen in schwierigen Momenten eine Stütze ist. Andererseits möchten sie aber keinen Druck verspüren, auch tatsächlich einen tieferen Sinn in ihrem Leben zu finden, sondern wollen einfach in Frieden mit sich selbst sein können. Außerdem sollte man sich ihrer Meinung nach nicht in der Sinnsuche verlieren und in schwierigen Zeiten nicht nur um den Gedanken kreisen, womit man das jetzt verdient haben könnte.

Ergebnisse der Umfrage nach dem Sinn des Lebens

Ich sehe das ähnlich: Ich glaube, wenn man einen Sinn im Leben sieht, kann einem das Sicherheit und Orientierung geben, gerade auch wenn es mal nicht so gut läuft. Außerdem ist es vielleicht einfacher, mit seinem Leben zufrieden zu sein, wenn man es für sinnvoll hält. Fänden wir einfach nur alles sinnlos, hätten wir ja gar keine Motivation mehr, irgendwas zu tun. Und schließlich wird die Depression ja auch nicht umsonst die „Krankheit mit dem Mangel an Sinn“ genannt (Bauer 2009).

Psychologie der Indifferenz

Dazu habe ich auch einen passenden Artikel von Tatjana Schnell im Journal of Humanistic Psychology gefunden. Darin beschreibt sie die Ergebnisse zweier Studien, die sich mit dem Sinn des Lebens beschäftigen. Der Fokus liegt dabei auf den Indifferenten, also den Personen, die zwar keinen Sinn im Leben sehen, die das aber auch nicht stört. Laut der Studie waren das 35% der befragten Deutschen, während 61% ihr Leben als sinnerfüllt beschrieben und 4% unter einer Sinnkrise litten. Die Indifferenten waren meist jünger als die anderen beiden Gruppen, überwiegend unverheiratet, sehr wenig religiös oder spirituell geprägt, zeigten weniger Engagement und Hingabe, etwas von bleibendem Wert zu schaffen und beschäftigten sich weniger mit Selbstreflexion als die anderen beiden Gruppen. Dabei ging es den Indifferenten zwar psychisch ähnlich gut wie denen, die ihr Leben als sinnvoll empfanden (d.h. sie klagten nicht über Depressionen oder Ängste). Allerdings war auch ihre Zufriedenheit mit dem Leben und ihr Wohlbefinden deutlich geringer (Schnell 2010).

Es scheint also so, als wäre man zwar vielleicht erstmal vor allzu negativen Gefühlen gefeit, wenn einem der Sinn des Lebens egal ist. Nach einem richtig glücklichen und erfüllten Leben klingt mir das allerdings auch nicht…

Wertvoll bei Mangel

Wie mit vielen Dingen im Leben, bekommt der Lebenssinn eigentlich erst dann eine große Bedeutung, wenn man ihn verloren hat. Oder, wie es in einem Zeitungsbericht steht:

"Wer in seinem Leben nie einen Mangel an Sinn erlebt hat, wer nie die Qual erlebt hat, die ein Mensch erleidet, dem das Gefühl für den Sinn des eigenen Lebens abhandengekommen ist, dem wird die Frage nach dem Sinn wahrscheinlich […] unbegreiflich vorkommen […]"
Joachim Bauer
WELT 2009

Wirklich viel dazu, wann und warum uns dieser Mangel auffällt, habe ich allerdings nicht gefunden. Ich denke das hängt vor allem von unserer Persönlichkeit und den individuellen Umständen ab, in denen wir uns befinden. Oft sind es einschneidende negative Erlebnisse, die uns dazu zwingen, uns wieder mehr mit uns selbst zu beschäftigen. Ich habe es aber auch schon erlebt, dass ich mich gerade in besonders guten Phasen gefragt habe, womit ich dieses ganze Glück verdiene, warum es anderen nicht so gut geht wie mir, ob ich mich genug in die Gesellschaft einbringe etc. und dass ich darüber mein Leben irgendwie als langweilig und nutzlos empfand.

Back to the roots

Nun aber zurück zu Meulemanns Erkenntnis, dass die christlichen Kirchen in der Vergangenheit diesen Mangel im großen Stil befriedigen konnten. Schaut man sich die sinkenden Mitgliederzahlen der beiden großen deutschen Kirchen und die Zahl der Kirchenaustritte an, so scheint das heute nicht mehr der Fall zu sein (tagesschau.de 2018; Klask 2019). Das ist sicherlich nicht nur die Schuld der Kirchen, auch der demografische Wandel, die Säkularisierung, der Trend zu Unverbindlichkeit, die wachsende Konkurrenz diverser anderer „sinnstiftender“ Angebote und ähnliches tragen dazu bei, dass die Kirche immer weniger Mitglieder verzeichnet (MDR 2018,  Gaschke 2015). Und trotzdem scheint es so, als würde die Verkündigung Gottes und der guten Nachricht nicht mehr so gut klappen (Held 2010, Kammann 2014, Gaschke 2015).

Die ZEITjung-Redakteurin Lisa-Marie Betzl meint dazu „Die Instrumentalisierung der menschlichen Angst vor dem Tod, Verhütungsverbote aus dem Vatikan und haufenweise Missbrauchsvorwürfe – viel anzubieten hat gerade die katholische Kirche nicht für junge Leute“ (Betzl 2016). Sie stellt aber auch fest, dass in unserem abgeklärten Leben oft gar kein Platz für den Glauben an einen unsichtbaren Gott ist. Da aber jeder etwas brauche, an dem er sich festhalten könne, glaubten wir stattdessen oft an alle möglichen andere Dinge.

Wenig Zufriedenheit und emotionale Bindung

Rein psychologisch betrachtet hat ein positiver Gottesglaube und eine herzliche Gottesbeziehung aber nach wie vor das Potenzial, dem eigenen Leben Sinn zu stiften (Brauer 2016) – und ist dieser Glaube und diese Art von Beziehung nicht gerade das, was die Kirche vermitteln möchte? Wie schade, dass sie es da nicht schafft, die Kirchenmitglieder auch zufrieden zu machen und emotional zu binden. Klar besuchen nur ein Bruchteil derer, die auf dem Papier zur Kirche gehören, auch tatsächlich deren Veranstaltungen, wie z.B. Gottesdienste. Trotzdem stimmt es mich nachdenklich, dass laut Fan-Portfolio 2014 fast die Hälfte der Kirchenmitglieder abwanderungsgefährdet sind. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm, ergeht es einigen Verbänden und Kammern mit Pflichtmitgliedschaft. Das könnte zum Teil am sogenannten „antiinstitutionellen Affekt“ liegen, unter dem auch Parteien und Gewerkschaften leiden. Er beschreibt das allgemeine Misstrauen gegen große, unpersönliche und als hierarchisch empfundene Organisationen (Gaschke 2015). Bestimmt ist das jedoch nicht der einzige Grund.

In der Bibel wird oft beschrieben, dass Gott uns „Fülle“ schenken möchte (z.B. 2. Mose 16,1-36; Psalm 16; Jesaja 40,21-31; Matthäus 11,28-30, Johannes 4,1-43; Johannes 10,10; Kolosser 2). Er will nicht, dass wir uns innerlich leer fühlen oder ungesund große Erwartungen an andere Menschen, unseren Beruf, unsere Leistungen etc. haben, die uns erfüllen sollen, stattdessen aber nur kaputt machen. Wieso tun sich die Kirchen dann so schwer damit, diese Fülle in Gott zu vermitteln? Eine überzeugende und einfach umsetzbare Antwort scheint es darauf nicht zu geben. Ich war schon in einigen verschiedenen Gottesdiensten mit unterschiedlichsten Pfarrern und habe mich auch schon oft nicht angesprochen gefühlt. Das lag aber nicht an der Art der Veranstaltung – für mich muss ein guter Gottesdienst kein „Event“ und auch nicht spannend, modern oder was auch immer sein. Ja, es gibt unterschiedliche Arten, den Gottesdienst abzuhalten und manche liegen mir mehr, manche weniger. Aber das, worauf es wirklich ankommt, ist für mich nicht dieser Rahmen, sondern ob ich die Verkündigung als glaubwürdig und authentisch empfinde, ob sie mich zum Nachdenken anregt und ob ich dabei Gott begegnen kann.

Matthäus 11,28

Jesus im Mittelpunkt

Die Gemeinde, zu der ich gehöre, ist eine „ganz normale“ landeskirchliche Gemeinde. Und trotzdem legen sonntags viele Leute teilweise richtig große Entfernungen zurück, um an einem der zwei Gottesdienste teilzunehmen, die auch noch beide meist sehr gut besucht sind. Das liegt aber nicht daran, dass irgendeine besondere „Show“ stattfinden würde, sondern dass sie hier Jesus spüren. Vielleicht ist es daher gerade das, was vielen Kirchengemeinden fehlt: Die Rückbesinnung auf ihren Kern, auf Gott (Held 2010, Kammann 2014). In meiner Gemeinde erlebe ich, dass das, was wir mit Jesus erleben, die Freude an ihm und die Gewissheit um seine Liebe zu uns allen, uns eine gute Gemeinschaft beschert, auch wenn wir alle sehr verschiedene Menschen sind. Gerade das, was die Bibel zu den großen Themen des Lebens sagt, gibt uns Halt und Kraft für den Alltag.

Daher würde ich mir wünschen, dass es noch viele weitere solcher Kirchengemeinden gibt, die uns bei der Suche nach unserem Lebenssinn unterstützen und uns den Weg zur Fülle weisen, und dass dieses Angebot auch wieder mehr erkannt und wahrgenommen wird. Das mag durchaus ein „frommer Wunsch“ sein, aber gerade deshalb hoffe ich, dass er sich erfüllt. 🙂

Liebe Grüße
Deine Katrin

Verwendete Quellen:

Bauer, Joachim (2009): Psychologie: Depression die Krankheit mit dem Mangel an Sinn WELT. In: WELT, 17.12.2009, https://www.welt.de/gesundheit/article5562551/Depression-die-Krankheit-mit-dem-Mangel-an-Sinn.html

Betzl , Lisa-Marie (2016): Religion: Was sollen wir noch glauben? In: ZEITjUNG , 2016, https://www.zeitjung.de/religion glaube aus armut kirche/

Brauer, Markus (2016): Trend 2050: Auf Sinnsuche mit Glaubenden. In: Stuttgarter Nachrichten, 25.04.2016, https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kirchen-blog-religion-und-glaube-2050-teil-11-trend-2050-auf-sinnsuche-mit-glaubenden.5a683b8a-d948-4bf3-9849-b1a2a8c5866e.html

Gaschke, Susanne (2015): Religion und Glauben: Wo Deutsche heute Sinn suchen. In: WELT, 24.02.2015. Online verfügbar unter https://www.welt.de/politik/deutschland/article137752182/Die-neue-deutsche-Art-der-Sinnsuche.html

Held, Gerd (2010): Meinung: Skandale sind nicht das Hauptproblem der Kirche. In: WELT, 26.04.2010. Online verfügbar unter https://www.welt.de/debatte/kommentare/article7328706/Skandale-sind-nicht-das-Hauptproblem-der-Kirche.html

Klask , Fabian (2019): Kirchenaustritt: Die sind dann mal weg. In: ZEIT ONLINE, 20.02.2019 (Nr. 09/2019), https://www.zeit.de/2019/09/kirchenaustritt grossstaedte anstieg missbrauchsskandal

Kammann, Matthias (2014): EKD-Studie: Deutsche verlieren ihren Glauben an Gott. In: WELT, 06.03.2014. Online verfügbar unter https://www.welt.de/politik/deutschland/article125486308/Deutsche-verlieren-ihren-Glauben-an-Gott.html

Meulemann, Heiner (2019): Ohne Kirche leben. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Schnell, Tatjana (2010): Existential Indifference: Another Quality of Meaning in Life. In: Journal of Humanistic Psychology 50(3), S. 351-373.

Schmid, Wilhelm (1998): Das schöne Leben. In: der blaue reiter 8(3).

tagesschau.de (2018): Große Kirchen verlieren Mitglieder. Online verfügbar unter https://www.tagesschau.de/inland/kirchen-111.html

Zukunftsinstitut (2019): Individualisierung Glossar. Online verfügbar unter https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/mtglossar/individualisierung-glossar/

 

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