sprudelnder Bach

Lebensdurst

Durstig?

Nachdem ich dir mit dem letzten Blogbeitrag vielleicht Hunger gemacht habe, soll es heute (zumindest im übertragenen Sinn) um Durst gehen. Mir ist bei meiner Sinnsuche nämlich aufgefallen, dass es gar nicht so leicht ist, den Durst nach „echtem Leben“ zu stillen. Vielleicht kennst du das ja auch: Eigentlich weiß ich ganz genau, wie gut es mir geht, gerade im Vergleich mit Menschen, die schwere Sorgen haben, hungern müssen, in Kriegs- und Krisengebieten leben, unter schweren Krankheiten leiden und um ihr eigenes Leben oder das ihrer Angehörigen fürchten müssen. Ich weiß, wie gut es mir geht hier in diesem Land und in meiner ganz konkreten Situation und bin wirklich sehr dankbar dafür. Trotzdem folgt in meinen Gedanken danach manchmal ein „Aber“ – z.B. „aber wenn ich nur schon mit der Masterthesis fertig wäre / wenn ich die Gewissheit hätte, danach einen guten Job zu bekommen / wenn diese blöden Kopfschmerzen, die mich gerade quälen, endlich weg wären / wenn…, dann wäre ich noch glücklicher“.

Frisch sprudelndes Wasser

Zum perfekten Glück scheint immer etwas zu fehlen

Wenn jetzt noch … anders wäre, dann wäre mein Leben wirklich perfekt und ich ein für alle Mal zufrieden“ – hast du dich auch schon einmal bei einem solchen Gedanken ertappt? Eigentlich geht es mir wirklich gut, aber wenn ich jetzt noch Freunde finden würde, die mich wirklich verstehen / wenn ich ein Auto hätte und endlich unabhängig wäre / wenn ich jetzt noch meinem Traummann begegnen könnte / wenn mein Kind nicht ständig quengeln würde / wenn mein Vater diese Krankheit nicht hätte / wenn meine Schwiegermutter nicht so anstrengend wäre / wenn ich jetzt noch mit meinem Freund zusammenleben könnte / wenn ich mit meiner Familie ein eigenes Haus anstatt dieser Mietwohnung hätte /… – Irgendetwas scheint uns doch immer zu fehlen für das wahre Glück, nach irgendetwas scheinen wir immer zu dürsten.

Aber ist dir schon mal aufgefallen, dass das selbst dann noch der Fall ist, wenn das eintritt, was wir uns gewünscht haben? Wenn ich dann beispielsweise endlich mit meinem Freund zusammenwohne, habe ich mich wahrscheinlich schon bald daran gewöhnt und schnell vergessen, wie sehr ich mir das einmal gewünscht hatte. Stattdessen denke ich dann vielleicht „eigentlich geht es mir richtig gut und mein Leben wäre perfekt, wenn mein Freund mich nur ein bisschen mehr im Haushalt unterstützen würde“ oder es ist plötzlich etwas ganz anderes, das mir zu meinem Glück zu fehlen scheint.

Vom Glück zur Normalität

Ganz besonders deutlich merke ich diesen Gewöhnungseffekt bei Dingen, die man kaufen kann. Das erste Mal, wenn ich das neue Kleidungsstück anziehe, freue ich mich noch darüber, besonders, wenn ich Komplimente dafür bekomme. Aber schon beim nächsten Mal ist es nichts Besonderes mehr und so müsste ich eigentlich ständig im totalen Kaufrausch sein, um immer wieder einen neuen Glückskick zu bekommen.

Selbst Geld macht ja bekanntermaßen nicht immer glücklich. Zwar würde sich sicherlich jeder über eine Gehaltserhöhung freuen, aber erstens würde dieses Glück in der Realität vermutlich nicht so lange anhalten, wie wir es uns zuvor ausgemalt haben und zweitens greift auch hier das Prinzip des abnehmenden Grenznutzens. Ökonomen haben errechnet, dass spätestens ab einem Jahreseinkommen von zwischen 80.000-100.000 € der Glückszuwachs, den man fühlt, wenn sich dieses Einkommen verdoppeln würde, nur noch unbedeutend wäre (vgl. Rose 2016).

Und jetzt?

Wie aber können wir dann überhaupt so richtig zufrieden werden mit unserem Leben? Heißt das nicht, dass wir dazu verdammt sind, wie die Raupe Nimmersatt ständig auf der Suche nach „mehr“ zu sein? Soll das etwa der Sinn unseres Lebens sein? Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Was aber können wir tun, um nicht dem Diktat des „immer mehr“ folgen zu müssen? Wo finden wir das Wasser, das unseren Durst wirklich stillt?

Dazu gibt es in der Bibel einen tollen Bericht, der mich mittlerweile immer wieder neu anspricht, obwohl ich ihn beim ersten Lesen eher rätselhaft fand (Johannes 4,1-42). Darin wird erzählt, wie sich Jesus mit einer Frau aus Samarien unterhält. Das ist schon deshalb ungewöhnlich, weil ein Rabbi, also ein jüdischer Geistlicher und Lehrer, für den Jesus damals gehalten wurde, eine Frau nicht einmal ansehen, geschweige denn sie ansprechen sollte. Darüber hinaus galten die Samariter bei den Juden als „unrein“, weil sie neben ihrem Gott weitere Götter anbeteten. Daher mieden die Juden üblicherweise die Samariter und nahmen bei Reisen häufig sogar den weiten Umweg um Samarien herum in Kauf, um zu vermeiden, durch den Kontakt zu Samaritern selbst unrein zu werden und dadurch nicht mehr in Gottes Nähe kommen zu dürfen. Jesus hingegen setzte sich darüber hinweg, er reiste mitten durch Samarien und sprach auch noch selbst eine Samariterin an.

Wasserfall

Wer hat hier wirklich Durst?

Jesus nimmt Kontakt zu der Frau auf, weil er durstig ist von seiner langen Reise und sie gerade am Brunnen Wasser schöpft. Der Erzählung nach ist es um die Mittagszeit und die Frau ist ganz alleine, als Jesus sie um einen Schluck Wasser bittet. Das zeigt, dass sie keine gute Stellung in ihrer Heimatstadt haben kann, denn üblicherweise gingen die Frauen früh morgens gemeinsam zum Wasser holen. Vielleicht ist sie auch deshalb so überrascht, dass dieser jüdische Mann gerade sie anspricht und sie scheint mehr über ihn erfahren zu wollen.

Jetzt hätte Jesus natürlich gleich zu ihr sagen können „Ich bin der Christus, Gottes Sohn und will dir helfen, denn wie ich sehe, hast du meine Hilfe nötig“, doch das hätte die Frau mit Sicherheit abgeschreckt. Daher antwortet er auf ihre indirekte Frage mit einem Bild, welches sie noch neugieriger macht. Er sagt ihr, wenn sie wüsste, wer er sei, würde nicht er sie um Wasser bitten, sondern sie ihn und dann würde er ihr auch nicht nur das Wasser aus dem Brunnen geben, sondern „lebendiges“, also frisch fließendes Wasser. Spöttisch erwidert die Samariterin, dass Jesus ja nicht einmal ein Gefäß dabei habe, mit dem er dieses Wasser schöpfen könne. Außerdem weist sie auf den Stammvater Jakob hin, worauf ich im übernächsten Absatz näher eingehe. Zunächst einmal finde ich es aber spannend, wie Jesus hier weiter vorgeht.

Quelle des Lebens

Anstatt dass Jesus auf die provokante Frage eingeht, ob er sich etwa über den Stammvater Jakob stellen wolle, erklärt er der Samariterin, dass jeder, der von dem Brunnenwasser trinkt, nach einer Weile wieder Durst bekommen wird – daran ändert es auch nichts, dass der Brunnen von Jakob stammt und er selbst, seine Söhne und ihr Vieh auch schon von diesem Wasser getrunken haben. Dagegen stellt Jesus das Wasser, das er anzubieten hat: Dieses Wasser kann den Durst ewig stillen, weil es wie eine Quelle in den Menschen weitersprudelt, die davon getrunken haben.

Das findet auch die Frau so verlockend, dass sie Jesus bittet, ihr von diesem Wasser zu geben. Doch wieder tut Jesus etwas Verblüffendes, indem er sagt „Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her!“. Daraufhin erwidert die Samariterin, dass sie keinen Mann habe. Jesus stellt fest „Du hast richtig gesagt: »Ich habe keinen Mann.« Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“ Die Frau leugnet das nicht. Das erklärt, warum die anderen Frauen sie zu meiden scheinen und sie alleine zum Brunnen kam.

Ich kann mir vorstellen, dass sie aus dieser bewegten Beziehungshistorie und den schiefen Blicken ihrer Nachbarn sicherlich einige Verletzungen davongetragen hat. Warum spricht Jesus sie dann ausgerechnet jetzt darauf an? Zum einen bestimmt, weil es zeigt, wie gut er sie kennt – die Frau ist selbst ganz überrascht, dass Jesus davon weiß und entgegnet „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist“. Zum anderen glaube ich, dass Jesus damit behutsam den Finger in die offene Wunde legt. Genau das ist der Punkt, unter dem die Frau leidet. Vielleicht ist ein richtiger, treuer Ehemann das, wonach sich die Frau sehnt, oder ihre vielen Partnerschaften deuten darauf hin, dass sie nach Liebe oder Abenteuer dürstet oder einfach „mehr“ vom Leben will. Was es ist, wird nicht genannt, aber die Frau weiß es und Jesus macht klar, dass er ihre unerfüllte Sehnsucht sieht. Und er hat sogar das passende Gegenmittel für sie: Nicht weitere Männer werden ihr helfen, ihren Durst zu stillen, sondern nur Jesus kann ihr lebendiges Wasser schenken, das nie versiegen wird.

schäumendes Wasser

Mehr als Religion

Jesus kümmert sich also ganz konkret und persönlich um das, was diese Frau beschäftigt. Und trotzdem hat die Geschichte noch eine weitere, religiöse Ebene. Die Samariterin weist Jesus wie gesagt darauf hin, dass der Brunnen, an dem sie stehen, von ihrem Stammvater Jakob gegraben wurde. Sie scheint das Gespräch damit auf eine theologische Ebene lenken zu wollen, denn Jakob ist sowohl für die Juden als auch für die die Samariter sehr wichtig. Der Streit zwischen den beiden Religionsgruppen lässt sich sogar teilweise auf ihn zurückführen, denn während die Samariter in der Nähe der Stelle, an der Jakob im Traum Gott erschien, Gott auf dem Berg Garizim anbeten, beharren die Juden darauf, dass man Gott in Wirklichkeit nur im Tempel in Jerusalem anbeten könne. Darauf verweist die Frau auch später im Gespräch noch einmal, so als müsse sie die wahrscheinlich einmalige Chance, direkten Kontakt zu einem Juden zu haben, nutzen, um herauszufinden, wer in diesem Religionsstreit denn nun tatsächlich recht hat. Im Gegensatz zu Jesus, der durch seine Fragen und Aussagen eine Brücke zur Samariterin schlagen und ihr näher kommen möchte, spricht sie genau das an, was ihre beiden Religionen unterscheidet und sie damit von ihrem Gegenüber zu trennen scheint.

Auf ihre religiösen Fragen entgegnet Jesus, dass die Rettung für die Welt zwar tatsächlich aus dem jüdischen Volk käme, die Leute aber schon jetzt Gott nicht mehr nur im Tempel oder auf einem bestimmten Berg anbeten könnten, sondern von überall, sofern sie von Gottes Geist und Wahrheit erfüllt seien. Die Frau entgegnet, sie wisse sehr wohl, dass einmal ein Retter kommen werde, der Christus, der ihnen das alles erklären werde. Erst an dieser Stelle offenbart sich Jesus ihr schließlich, indem er sagt „Ich bin’s, der mit dir redet“. Damit zeigt er der Frau nicht nur, dass er ihr persönlicher Retter ist, der sie genau kennt und mit ihrem verkorksten Leben annimmt und liebt. Er zeigt ihr auch, dass der ewige Streit zwischen Juden und Samaritern hinfällig ist, weil er, Jesus, als Christus für alle gekommen ist, um es jedem Menschen zu ermöglichen, direkt zu Gott zu kommen, ganz ohne Tempel oder Berg.

Direkte Folgen

Durch ein Gespräch mit Jesus wird der Samariterin klar, dass dieser jüdische Mann zwar weiß, was in ihrem Leben schief läuft, aber sie trotzdem nicht verurteilt. Dadurch fasst sie Vertrauen zu ihm und erkennt, dass sie seinem Versprechen, er könne ihr „lebendiges Wasser“ geben, Glauben schenken kann. Mit diesem lebendigen Wasser meint Jesus Gottes Geist, der in jedem, der Jesu Angebot annimmt, wie eine Quelle sprudelt, immer wieder neu das Leben reich und erfüllt macht und letztlich sogar ewiges Leben schenkt. Begeistert von dieser Begegnung mit Jesus lässt die Samariterin alles stehen und liegen und läuft in die Stadt um den Menschen, die sie bisher gemieden hat, von diesem Mann zu erzählen, der alles über sie weiß und daher vielleicht sogar der versprochene Christus ist.

Wie das weitere Leben der Frau verläuft, wird hier nicht erzählt. Trotzdem nehme ich an, dass die Begegnung am Brunnen sie nachhaltig geprägt hat. Natürlich habe ich mich nach dem Lesen dieser Geschichte schon öfter gefragt, warum ich dann trotzdem noch auf Sinnsuche bin, auch wenn ich Jesus schon früher begegnen durfte. Immer wieder scheine ich „rückfällig“ zu werden und meinen Durst nach „mehr“ durch die Dinge dieser Welt löschen zu wollen, anstatt meine Beziehung zu Jesus zu intensivieren und mich mit Gottes Geist erfüllen zu lassen. Zum Glück gibt es in der Bibel Geschichten wie diese, die mich dann wieder daran erinnern, dass es in Wirklichkeit Gottes Gegenwart ist, nach der ich mich sehne. Daher können weltliche Freuden die Sehnsucht höchstens für kurze Zeit überdecken. Nur die Verbindung zu Gott hilft mir schon jetzt immer wieder neu und wird mir letzten Endes ein ewiges, ganz erfülltes Leben direkt bei Gott schenken.

Kleine Oase

Voll abgefahren?!

Vielleicht war das alles jetzt ein bisschen zu „biblisch“ für dich. Ich habe mich am Anfang, wie schon gesagt, auch schwer getan mit diesem Text und bin mir nicht sicher, ob ich wirklich gut rüberbringen konnte, was er aus meiner Sicht alles Hilfreiches enthält. Ja, er lässt auch einige Punkte offen, aber ich finde es toll, wie fürsorglich sich Jesus der Frau annimmt, obwohl er dabei gegen alle geltenden Konventionen verstößt. Und das Beste daran, er tut es nicht einfach so mit leeren Versprechungen, sondern kann ihr tatsächlich etwas anbieten, das weit besser ist als das, mit dem wir üblicherweise unseren Durst zu löschen versuchen. Die Reaktion der Frau zeigt, dass das genau der Anstoß war, den sie gebraucht hat, um ihr Leben umzukrempeln. Sie ist so überrascht von Jesus, dass sie, die Außenseiterin, plötzlich der ganzen Stadt davon erzählen möchte, damit alle die Chance bekommen, ebenfalls diesen Mann, der tatsächlich der Christus, also der Retter sein könnte, kennenzulernen.

Daher wünsche ich mir für dich und mich, dass wir auf unserer Sinnsuche nicht rastlos von einer Quelle zur nächsten hetzen müssen, weil wir meinen, dass uns nur noch dieses oder jenes zum perfekten Glück fehlt. Ich wünsche mir, dass wir dankbar für das sein dürfen, was wir hier schon haben und dass unser Durst nach noch mehr Leben auch mit gutem, lebendigem Wasser gestillt wird. Trinken ist ja an für sich ganz einfach, wir müssen uns nur entscheiden, von wem wir das angebotene Wasser annehmen.

Liebe Grüße
Deine Katrin

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